»Mein Handy kann das doch auch, oder?«

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Dass ein modernes Handy beeindruckende Bilder schießen kann, dürfte für die wenigsten eine neue Information darstellen. Schließlich haben Smartphones den Markt der kleinen, handlichen Digicams zerschmettert, und das sogar schon vor fünf Jahren (https://www.pctipp.ch: Für Digitalkameras sieht es düster aus) Wenig überraschend ist das nicht, die Technologie hat sich sehr weit entwickelt und wer mal eben ein Bild schießen möchte, braucht keine extra Kamera mitschleppen, wenn das Handy doch immer zur Hand ist – und vielleicht sind Handy-Kameras mittlerweile sogar doch mächtig genug, um von dir für professionelle Einsatzzwecke genutzt werden zu können?

Handy-Software ist der Schlüssel

Die große Stärke von Smartphone-Kameras liegt nicht in der eigentlichen Kameratechnik. Hier ist der Formfaktor einfach zu einschränkend. Ohne zu technisch zu werden, reicht es folgendes zu verstehen: Große Linsen können tendenziell mehr Licht durchlassen, was ein helleres und rauscharmeres Bild bedeutet. Große Sensoren haben außerdem insgesamt ein besseres Rauschverhalten und eine überlegene Farbreproduktion, besonders unter schlechten Lichtbedingungen. Ein großes Kameragehäuse schleppt sich zwar schwer, aber du kannst es wesentlich stabiler halten als ein Handy und verwackelst dadurch weniger.
Du siehst also, von der Hardware-Seite aus kann ein Handy eigentlich nur verlieren. Aber durch die Software schaffen moderne Smartphones in Bereichen zu brillieren, in denen professionelle Kameras noch nicht einmal den Fuß in der Tür haben.

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Für solche Bilder braucht es
keine teuren Kameras mehr …

Nehmen wir moderne iPhones an der Stelle als Beispiel her:
Bereits seit einigen Generationen bieten Apple’s Smartphones die Funktion der Livebilder. Anstatt eines einzelnen Bildes, schießt das iPhone automatisch eine ganze Reihe von Bildern, sowohl vor, wie auch nach dem Abdrücken – tatsächlich so viele Bilder, dass du einen flüssigen Videoclip daraus machen könntest! Eine geniale Funktion, aber auch wenn es mittlerweile Top-Kameras gibt, die bei maximaler Auflösung eine ähnliche Anzahl an Bildern pro Sekunde wie ein Livebild produzieren können, ohne dass auch nur eine mechanische Komponente sich bewegen müsste, gibt es bei keinem Kamerahersteller eine vergleichbare Funktion.
Um wiederum die eben beschriebenen Defizite der kleineren Hardware wieder gut zu machen, entwickeln die Handy-Hersteller ausgeklügelte Algorithmen, die bereist beim Fotografieren umfangreiche Optimierungsarbeiten tätigen. So werden viele der optischen »Fehler« schlichtweg durch kluge, voll automatisierte Nachbearbeitung kaschiert. Die Grenze zwischen Kamerabildern und Handybildern verschwimmt.

»Was kann ich denn jetzt mit einem Handy erreichen?«

Das mit den Livebildern und Software ist ja schön und gut, aber beantwortet noch nicht die Frage: Wie weit kann ein Handy einen Fotografen mit professioneller Ausrüstung ersetzen?
Dafür würde ich dich bitten, die unteren beiden Bilder anzuschauen und zu entscheiden, welches davon mit einem Handy und welches mit einer professionellen Kamera, sowie entsprechend hochwertigen Objektiv, geschossen wurde.

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Mit der Antwort lasse ich an dieser Stelle noch ein bisschen auf mich warten. Denn wenn du das Handybild nicht identifizieren kannst, haben diese Bilder ihren Zweck erfüllt.
Die Qualität des Bildes wurde durch gezielte Lichtsetzung, Kompositionen und einer leichten Nachbearbeitung gesetzt. Das Aufnahmemedium ist eigentlich völlig egal.

Unruhiger Hintergrund

Versuchen wir dasselbe Spiel nochmal mit den folgenden drei Bildern. Zwei davon wurden mit einem Handy aufgenommen, eines mit einer Kamera.

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Hier ist dir die Antwort vermutlich schon leichter gefallen, oder? Das erste und das dritte Bild wurden mit einem Handy aufgenommen, einmal »normal« und einmal im Portraitmodus des iPhone 12 Mini, das mittlere entsprechend mit einer hochwertigen Kameraausrüstung.
Das herausstechende Merkmal ist jemals die Darstellung der Tiefenunschärfe, also das Aussehen der Bereiche, welche nicht im Fokus der Kamera liegen. Aus technischen Gründen können Smartphones solche Effekte eigentlich nur durch Software simulieren und auch wenn das Ergebnis durchaus ansehnlich ist und immer besser wird, so kommt es doch nicht an eine echte, physikalisch bedingte Tiefenunschärfe heran. Besonders an den Übergängen zwischen SChärfe und Unschärfe lassen sich die technischen Grenzen gut identifizieren.

Stimmungsaufnahmen

Zuletzt schauen wir uns nochmal drei Aufnahmen an, auch hier sind zwei Bilder mit dem Handy und eins mit der Kamera aufgenommen wurden:

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Vermutlich dürfte die Unterscheidung dir wieder etwas schwerer gefallen sein. Bild 2 ist ein Handybild, so viel verrate ich dir, aber wie verhält es sich mit Bild 1 und 3?
Wenn du nicht auf die Antwort kommst, ist das überhaupt kein Problem, im Gegenteil: Das zeigt dir, was für ein mächtiges Content-Creation-Tool du jeden Tag mit dir in der Hosentasche herumträgst.

Was für Inhalte kann ich mit meinem Smartphone fotografieren?

Aus diesen drei Rätselspielen kannst du dir eine sehr grundlegende, aber durchaus hilfreiche Checkliste mitnehmen, was für fotografische Inhalte du theoretisch selbst erstellen kannst:

  • Hat dein Motiv einen einfarbigen Hintergrund, kannst du das Bild guten Gewissens mit dem Handy aufnehmen (»Studio-Look«).
  • Hat dein Motiv einen unruhigen Hintergrund, wird es schwieriger, aber nicht unmöglich. Das Ergebnis mag zwar nicht für die umsatzbringende Imagebroschüre reichen, aber ist durchaus eine Option für Social Media.
  • Stimmungsbilder von Events und Arbeitsprozessen können mit einer ruhigen Hand und einem guten Auge durch ein Handy geschossen werden.

Diese Liste hilft dir hoffentlich, eine leichte Orientierung zu bekommen, was du mit deinem Handy erreichen kannst und wo die Grenzen liegen könnten,
So oder so wird die Qualität des Bildes aber nicht primär durch die Wahl des Aufnahmemediums entschieden, sondern einer ganzen Reihe anderer Faktoren, die du zumindest grundlegend verstehen musst, um zufriedenstellende Aufnahmen zu erreichen.

Licht, Licht, Licht, Licht, Licht, Licht … Licht!

Fotografie bedeutet grob übersetzt »Licht-Zeichnen«. Wenn du dir diesen Gedanken verinnerlichst und in deine fotografischen Überlegungen integrierst, öffnen sich dir Tür und Tor zu guten Bildern.
Wenn wir nochmal ein Blick auf unsere erstes Fotorätsel werfen, wirst du feststellen, dass in beiden Fällen eine spannende Ausleuchtung Anwendung fand, mit Schatten auf der einen Gesichtshälfte und Konturen unter dem Kinn. Durch die saubere Ausleuchtung wird die Auswahl des Aufnahmewerkzeugs nicht egal, aber sekundär.

Die Ausleuchtung kann dir auch sehr behilflich sein, wenn du einen unruhigen Hintergrund haben solltest.
Der entscheidende Faktor für ein gutes Bild ist die Antwort auf die Frage: Um was soll es in meinem Bild gehen?
Sobald du diese Antwort hast, musst du dich fragen, wie du diese Funktion ermöglichen und fördern kannst. Eine einfache Methode ist es, den Vordergrund, das Hauptmotiv, in seiner Luminanz (Helligkeit) vom Hintergrund abzuheben.
Mit meinem Dauerlicht habe ich das Subjekt erleuchtet, mein Handy hat erkannt, dass das vordere Motiv hell ist und entsprechend das Gesamtbild abgedunkelt – womit der Hintergrund metrisch unterbelichtet und damit weniger störend geworden ist.

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»Ulkige Topfpflanze im Schattenspiel«

Für die Ausleuchtung bieten sich Video-LEDs an. Diese bekommst du mittlerweile für 100–200 Euro mit ausreichend Leistung, um auch größere Subjekte, wie Personen, auszuleuchten.

Komposition und Format

Ein gut ausgeleuchtetes Motiv ist zwar schön und gut – aber das Bild zu schießen ist auch mehr als ein einfacher Klick auf den Touchscreen.
Vor dem Abdrücken steht die Frage der Komposition, diese wird wiederum maßgeblich durch die Formatvorgabe konstituiert.

Das Format – Wo soll dein Bild später auftauchen?

Instagram präferiert quadratische Bilder, Magazincover sind in der Regel hochkant, und auf Websites brauchst du meistens Bilder im Querformat für vollflächige Bereiche. Dementsprechend muss dir bewusst sein, wie dein Bild entsprechend aufgenommen wird. Dabei gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten, für die ich mich terminologisch kurz aus der Druckvorstufe bedienen möchte:

  • Du produzierst deine Bilder medienspezifisch. Dafür überlegst du dir ganz genau, wie du dein finales Bild auf welcher Plattform einsetzen möchtest und optimierst es auf diesen Zweck hin.
  • Du produzierst dein Bild medienneutral. Anstatt auf ein bestimmtes Format hin in der Produktion zu optimieren, nimmst du das Bild so auf, dass du es sowohl quadratisch, wie auch hochkant, wie auch im Querformat verwenden kannst (soweit wie das möglich ist).
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Wenn du diese Überlegungen noch ein bisschen weiter verfeinern willst, machst du dir auch Gedanken über die Seitenverhältnisse deines Formats. Gängige Formate sind 2×3, was wir vor allem aus dem Fotodruck kennen, 3×4, was oft bei kostengünstigeren Kameras und auch vielen Handys Anwendung findet, 16×9 ist das gängigste Format in der Videoproduktion – Die Liste ist lang, aber es lohnt sich ab einem gewissen Punkt sich damit auseinanderzusetzen.

Komposition – Wie füllst du dein Bild mit dem Motiv

Auf das Thema Komposition an der Stelle ins Detail einzugehen, würde jeden Rahmen sprengen. Daher vorweg der Appell: Wenn du Werbeinhalte mit deinem Handy produzieren möchtest, gib »Komposition Fotografie« auf YouTube ein und arbeite dich durch die Topvideos. Eines der besten findest du hier: Bildkomposition in der Fotografie – 7 Regeln / Tipps für Einsteiger

Das wichtigste Prinzip in der Fotografie stellt die Drittelregel da: Du teilst deinen Bildausschnitt (dieser entspricht vom Seitenverhältnis her dem Format) in drei gleich große Bereiche in der Horizontalen und der Vertikalen. So erhältst du neun Kästchen und kannst anfangen, dich in der Komposition zu orientieren. Fast alle modernen Handys ermöglichen dir übrigens, diese Drittelteilung anzuzeigen.
Als Faustregel an der Stelle gilt: Mitte ist langweilig. Der wichtigste Part deines Motivs (z.B. bei Menschen meistens das Gesicht) sollte nie einfach in der Mitte setzen, sondern immer zwischen dem mittleren und äußeren Drittel sitzen.

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Selbstverständlich gibt es immer wieder Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Aber mit dieser grundsätzlichen Orientierung machst du erst einmal nichts falsch und bringst eine gewisse Spannung in all deine Bilder.

Nachbearbeitung – Das Abschmecken der Fotografie

In der Fotografie gibt es keine unbearbeiteten Bilder. Auch wenn einige Puristen sich dieser Aussage entziehen möchten, so ist doch jedes Bild bearbeitet. Früher in der Analog-Fotografie wurde die Bearbeitung durch die Auswahl des Films und des Entwicklers begonnen, im Digitalbereich wird durch Profile in der Analog-Digital-Wandlung der grundlegende Look erzeugt. Diese Prozesse müssen passieren, sonst kann kein Bild entstehen.
Die Frage, die du dir stellen musst, ist: Möchtest du, dass die Entscheidung, wie dein Bild aussehen soll, dir abgenommen wird oder nicht?

Das ist keine Frage von Richtig und Falsch. Es ist eine Frage, wie weit du das Potenzial deiner Bilder ausschöpfen möchtest. Bearbeitung ist allerdings nichts, was du über Nacht schnell lernen kannst. Sie ist ein endloser Werkzeugkasten, mit dem du unglaubliche Dinge erreichen kannst, oder dein Bild komplett zerstören kannst.
Ähnlich wie das finale Abschmecken beim Kochen, kannst du deinen Bildern den letzten Feinschliff verpassen oder sie hoffnungslos versalzen.

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Out of Camera
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Finale Bearbeitung

Ist dir das die Mühe wert?

Die Möglichkeiten der Smartphone-Fotografie sind gigantisch geworden. Zwar sind die Grenzen zwischen Handys und professionellen Kameras noch nicht komplett verschwommen, aber immer mehr fotografische Arbeiten für deinen Werbeauftritt könnten theoretisch durch unsere alltäglichen Begleiter abgenommen werden. Aber ein Werkzeug ist nur so gut, wie die Hand, die es schwingt (ähnliches gilt übrigens auch für Website-Baukasten).

Du musst Fotografie verstehen, lernen und üben, um Smartphone-Fotografie sinnvoll einsetzen zu können.

Das ganze braucht Zeit. Eine fotografische Ausbildung geht in der Regel drei Jahre. Du wirst nicht unbedingt so lange brauchen, um überzeugende Ergebnisse erzielen zu können. Aber dir muss bewusst sein, dass du nicht einfach loslegen kannst und in drei Wochen irgendwelche Preise abräumen wirst – vermutlich.
Damit bleibt die abschließende Frage in Raum, was für dich wirtschaftlich mehr Sinn macht:
Fotografie zu lernen, zu verstehen, zu üben, zu verzweifeln, dich durchzubeißen und irgendwann zufrieden zu sein – oder doch einfach einen Fotografen zu bezahlen, der die Produktion für dich übernimmt?

PS.

Portrait 1 war ein Handybild, 2 mit der großen Kamera.
Stadtbild 1 war die große Kamera und Stadtbild 3 die Handy-Kamera.
Schreib gerne in die Kommentare, ob du richtig geraten hast!

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